Lernzyklus nach Kolb: Phasen, Lernstile und Kritik

Der Lernzyklus nach David Kolb einfach erklärt: die 4 Phasen des erfahrungsbasierten Lernens, die Lernstile, Kritik und ein Praxisbeispiel.

Von Marielle Gantenberg
9 Min. Lesezeit

Der Lernzyklus nach Kolb ist ein Modell des erfahrungsbasierten Lernens, das der US-amerikanische Lern- und Organisationsforscher David A. Kolb 1984 in seinem Buch „Experiential Learning“ ausführlich beschrieben hat. Lernen verläuft demnach als Kreislauf aus vier Phasen: konkrete Erfahrung, reflektierende Beobachtung, abstrakte Konzeptualisierung und aktives Experimentieren. Aus den bevorzugten Phasen leitet Kolb vier Lernstile ab.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Lernzyklus nach Kolb beschreibt Lernen als Kreislauf aus konkreter Erfahrung, reflektierender Beobachtung, abstrakter Konzeptualisierung und aktivem Experimentieren.
  • David A. Kolb stellte das Modell 1984 im Buch „Experiential Learning“ vor und stützte sich dabei auf John Dewey, Kurt Lewin und Jean Piaget.
  • Aus den bevorzugten Phasen ergeben sich vier klassische Lernstile: Divergierer, Assimilierer, Konvergierer und Akkommodierer.
  • Kritiker bemängeln die schwache empirische Evidenz für Lernstile und die geringe Beachtung von Gefühlen und sozialem Kontext beim Lernen.

Der 1984 von David Kolb ausführlich beschriebene Zyklus des erfahrungsbasierten Lernens ist bis heute ein Bezugspunkt im Instruktionsdesign, vor allem bei der Konzeption interaktiver Schulungen. Bei Kolbs Lernzyklus steht der Lernende im Zentrum des Prozesses der Wissensvermittlung. Durch die Analyse der gemachten Erfahrungen, kritisches Denken und Experimentieren eignet er sich nachhaltiges Wissen und nachhaltige Fähigkeiten an. Das erfahrungsbasierte Lernmodell wird in verschiedenen Bereichen angewendet und hat sich in Unternehmen vor allem im Veränderungsmanagement bewährt. Lesen Sie bei Knowmore mehr über Kolbs Lernzyklus.

Was versteht man unter Kolbs Lernzyklus?

Kolbs Lernzyklus ist ein iterativer Prozess, bei dem Wissen durch Erfahrungen und kritisches Denken aufgebaut wird. Das Modell geht davon aus, dass jedes Individuum einen bevorzugten Lernstil besitzt. In Abhängigkeit von der Zielgruppe können Fachleute für Instruktionsdesign Aktivitäten ausarbeiten, die auf die individuellen Besonderheiten jedes Einzelnen bei der Aneignung von Wissen abgestimmt sind.

Weiterbildungsprogramme, die sich auf Kolbs Lernzyklus – also sein Konzept für erfahrungsbasiertes Lernen – stützen, fördern Kreativität und Innovation. Der regelmäßige Wechsel von Handeln und Reflektieren erleichtert zudem den Transfer in den Arbeitsalltag. Die Theorie des erfahrungsbasierten Lernens, die hinter Kolbs Lernzyklus steht, hilft dabei, eine Strategie für Veränderungsmanagement zu entwickeln, in deren Rahmen sich die Mitarbeiter selbstständig neue berufliche Kompetenzen aneignen.

Die 4 Phasen von Kolbs Lernzyklus

Das Konzept des erfahrungsbasierten Lernens (auch Experiential Learning genannt), auf dem Kolbs Lernzyklus basiert, stellt einen strukturierten Rahmen dar, um sich neue Fähigkeiten effizienter anzueignen. Das Modell unterteilt den Prozess in vier Phasen, von denen jede eine fundamentale Rolle bei der Wissensvermittlung spielt. Diese Phasen begünstigen eine aktive Herangehensweise an das Lernen und helfen dabei, allmählich und durch praktische Erfahrung neue Ideen aufzunehmen.

Lernzyklus nach Kolb mit den vier Phasen und vier Lernstilen

Konkrete Erfahrung

In diesem Schritt macht der Lernende eine konkrete Erfahrung in einem neuen Umfeld. Dabei kann es sich beispielsweise darum handeln,

  • im beruflichen Umfeld eine praktische Tätigkeit durchzuführen,
  • ein neues Rezept auszuprobieren oder
  • eine Fremdsprache zu erlernen.

In dieser Phase steht das unmittelbare Erleben im Vordergrund: Der Lernende lässt sich offen und ohne Vorannahmen auf die neue Situation ein.

Reflektierende Beobachtung

Der Lernende reflektiert seine Beobachtungen und die gemachten Erfahrungen. Er betrachtet das Erlebte aus verschiedenen Perspektiven. Möglicherweise tauscht er sich mit Berufskollegen über seine Gedanken und Gefühle aus, die ihn in diesem Lernprozess begleiten. Im Rahmen interaktiver Weiterbildungen in Unternehmen kann die Phase der reflektierenden Beobachtung eine Basis für Social Learning sein.

Abstrakte Konzeptualisierung

In dieser Phase nutzt der Lernende seine kognitiven Fähigkeiten, um rationale Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Aspekten und der gemachten Erfahrung herzustellen. Er verallgemeinert das Erlebte, löst es aus dem Kontext, entwickelt abstrakte Ideen und verleiht dem Gelernten dadurch einen Sinn. Ihm wird bewusst, welches Wissen und welche Fähigkeiten er benötigt, um die vermittelte Tätigkeit zu beherrschen.

Aktives Experimentieren

In dieser Phase von Kolbs Lernzyklus werden die zuvor entwickelten Konzepte in neuen Situationen erprobt. Ob in einer Präsenzschulung oder beim E-Learning: Jetzt setzt der Lernende die neu gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis um. Dieser Schritt von Kolbs Lernzyklus kann mit oder ohne Unterstützung einer erfahrenen Person ablaufen. Mithilfe mehrerer Strategien überprüft der Lernende, ob die gewonnene Erkenntnis tatsächlich fundiert ist. Die dabei gemachten Erfahrungen bilden den Ausgangspunkt für einen neuen Durchlauf des Zyklus.

Die Lernstile nach Kolb

Kolbs Lernzyklus beschreibt vier Lernstile, anhand derer man Personen einteilen kann, die eine Präsenzschulung oder eine Online-Ausbildung absolvieren sollen. Während die einen sich Wissen aufgrund ihrer kognitiven Fähigkeiten aneignen, stützen sich andere auf ihre Emotionen oder auf wiederholte Umsetzungen in der Praxis.

Divergierer/Entdecker

Dieser Stil verbindet die ersten beiden Phasen des Lernzyklus: konkrete Erfahrung und reflektierende Beobachtung. Divergierer sind Menschen, die sich Wissen durch Beobachtung und Einschätzung aneignen. Sie sind kreativ, können gemachte Erfahrungen analysieren und aus mehreren Blickwinkeln betrachten. Es fällt ihnen leicht, emotionale Beziehungen zu anderen zu knüpfen, und sie verfügen über eine ausgeprägte Vorstellungskraft. Personen mit diesem Lernstil schätzen besonders Weiterbildungen in der Gruppe, zum Beispiel im Rahmen von Social Learning. Sie sind aufgeschlossen und können gut zuhören.

Assimilierer/Denker

Der Lerntyp des Assimilierers wird mit der zweiten und dritten Phase von Kolbs Lernzyklus verbunden. Solche Menschen lieben es, abstrakte Konzepte zu entwickeln, da sie an Probleme sehr logisch herangehen können. Sollen sie sich Kompetenzen selbst aneignen, sind individuelle Schulungen geeigneter als praktische Erfahrungen in der Gruppe. Im Allgemeinen tut sich dieser Lerntyp besonders in wissenschaftlichen und pädagogischen Berufen hervor. Assimilierer können komplexe Zusammenhänge schnell erfassen und diese einfach darstellen, sodass sie von anderen Lerntypen ebenfalls verstanden werden. Da sie analytisch denken, sind ihnen konkrete Erfahrungen weniger wichtig.

Konvergierer/Pragmatiker

Lernende mit diesem Lernstil bevorzugen es, praktische Probleme mithilfe neuer Erkenntnisse zu lösen. Der Konvergierer entspricht der dritten und vierten Phase von Kolbs Lernzyklus. Er bevorzugt pragmatische Vorgehensweisen und kritisches Denken, um technische Aufgaben umzusetzen. Mit logischem Denken testet er Lösungen in einem kontrollierten Umfeld. Kolb ordnete diesen Lernstil vor allem technischen Berufsfeldern wie dem Ingenieurwesen zu.

Akkommodierer/Macher

Der Lernstil des Akkommodierers verbindet die vierte und die erste Phase: Lernende dieses Typs eignen sich Kompetenzen durch konkrete Erfahrung und aktives Experimentieren an. Solche Personen sind flexibel, lernen schnell aus ihren Fehlern und tun sich leicht damit, die Hilfe von erfahrenen Kollegen anzunehmen. Sie gehen darin auf, Erfahrungen vor Ort zu machen, und lieben die Wissensvermittlung in der Gruppe. In Projekten übernehmen sie gern die praktische Umsetzung im Team.

Wie ermittelt man den Lernstil nach Kolb?

Kolb ordnet die vier Phasen zwei Grunddimensionen zu. Die erste beschreibt, wie Menschen Erfahrungen aufnehmen: eher über konkretes Erleben (Fühlen) oder über abstraktes Denken. Die zweite beschreibt, wie sie Erfahrungen verarbeiten: eher durch reflektierendes Beobachten oder durch aktives Tun. Aus der Kombination der jeweils bevorzugten Pole ergeben sich die vier Lernstile: Der Divergierer etwa verbindet konkretes Erleben mit reflektierendem Beobachten, der Konvergierer abstraktes Denken mit aktivem Tun.

Gemessen wird der persönliche Lernstil mit dem Kolb Learning Style Inventory (KLSI), einem Fragebogen, in dem Teilnehmende Aussagen zu ihrem Lernverhalten in eine Rangfolge bringen. Die 2011 überarbeitete Version 4.0 des KLSI unterscheidet inzwischen neun statt vier Lernstile.

Für die Praxis ist allerdings Vorsicht geboten: Eine vielzitierte Übersichtsarbeit von Pashler und Kollegen (2008) fand kaum belastbare Belege dafür, dass Menschen besser lernen, wenn der Unterricht auf ihren Lernstil zugeschnitten ist. Sinnvoller ist es, Schulungen so zu gestalten, dass alle Teilnehmenden alle vier Phasen des Zyklus durchlaufen – unabhängig von ihrem bevorzugten Stil.

Praktische Anwendung von Kolbs Lernzyklus

Die Theorie des erfahrungsbasierten Lernens (Kolbs Lernzyklus) kann sowohl im Bildungswesen als auch für die persönliche Entfaltung hilfreich sein. Spezifische Aktivitäten (Exkursionen, Rollenspiele, Brainstormings usw.) helfen dabei, durch eigene Erfahrungen im Alltag selbst zu erkennen, welche Fähigkeiten ausbaufähig sind.

Kolbs Lernzyklus lässt sich gut mit einem Change-Management-Ansatz verbinden und ist ein Hilfsmittel für Unternehmen, um die Beschäftigten beim Erlernen und Akzeptieren neuer Vorgehensweisen im Rahmen ihrer Arbeit zu unterstützen. Knowmore bietet beispielsweise eine All-in-one-Lösung, die autonomes Lernen mit interaktiven Anleitungen ermöglicht, die sich an die Aktionen des Anwenders in der Software anpassen.

Beispiel: Kolbs Lernzyklus in einer Software-Schulung

Wie der Lernzyklus nach Kolb in der betrieblichen Praxis aussehen kann, zeigt die Einführung eines neuen Bestellprozesses im ERP-System:

  1. Konkrete Erfahrung: Die Mitarbeitenden legen in einer Übungsumgebung selbst eine Bestellanforderung an – noch ohne ausführliche Erklärung.
  2. Reflektierende Beobachtung: Anschließend besprechen sie, an welchen Stellen sie unsicher waren und welche Fehlermeldungen auftraten.
  3. Abstrakte Konzeptualisierung: Die Trainerin erläutert die Logik dahinter: Freigabestufen, Pflichtfelder und den Zusammenhang mit Budget und Lieferantenstamm.
  4. Aktives Experimentieren: Die Teilnehmenden wenden das Gelernte auf einen schwierigeren Fall an, etwa eine Bestellung mit mehreren Kostenstellen.

Die Teilnehmenden erleben den Prozess also zuerst selbst, bevor sie die Regeln dahinter kennenlernen, und prüfen ihr neues Verständnis sofort an einem realistischen Fall. Die Erfahrungen daraus bilden den Ausgangspunkt für den nächsten Durchlauf. Nach dem Go-live setzt sich der Zyklus am Arbeitsplatz fort: Kontextbezogene Hilfen direkt in der Anwendung unterstützen das aktive Experimentieren, ohne dass die Anwender ihre Arbeit unterbrechen müssen.

Kolbs Lernzyklus: Kritik und Grenzen

Der wichtigste Kritikpunkt an diesem Modell besteht darin, dass Erfahrungen im Rahmen des Lernprozesses ein zu hoher Stellenwert zugeschrieben wird. Es ist nicht immer einfach, eine konkrete Erfahrung zu initiieren, um die Zielsetzungen einer Schulung zu erreichen. Autoren wie David Boud oder Rosemary Keogh haben zudem darauf hingewiesen, dass Kolb die Rolle von Gefühlen bei der Reflexion zu wenig berücksichtigt; andere bemängeln, dass der soziale und kulturelle Kontext des Lernens ausgeblendet wird.

Auf der Basis von Kolbs Lernzyklus kann man sich durch persönliches Experimentieren in verschiedenen Situationen Fähigkeiten aneignen. Er bietet die Möglichkeit, effiziente Schulungsprogramme zu entwickeln, die auf die jeweilige Zielgruppe und ihren persönlichen erfahrungsbasierten Lernstil abgestimmt sind.

Häufig gestellte Fragen

Wann hat David Kolb den Lernzyklus entwickelt?

David A. Kolb beschrieb den Lernzyklus erstmals Mitte der 1970er-Jahre gemeinsam mit Roger Fry. Ausführlich dargestellt ist das Modell in seinem 1984 erschienenen Buch „Experiential Learning: Experience as the Source of Learning and Development“. Deshalb wird in der Literatur meist „Kolb (1984)“ zitiert. Den zugehörigen Fragebogen, das Learning Style Inventory, hat Kolb seitdem mehrfach überarbeitet.

Auf welchen Theorien beruht Kolbs Lernzyklus?

Kolb stützt seine Theorie des erfahrungsbasierten Lernens auf drei Vordenker: den Pädagogen John Dewey, der Erfahrung und Reflexion ins Zentrum des Lernens stellte, den Sozialpsychologen Kurt Lewin, dessen Aktionsforschung auf dem Wechsel von Handeln und Auswerten beruht, und den Entwicklungspsychologen Jean Piaget, der Lernen als Wechselspiel von Assimilation und Akkommodation beschrieb.

Was ist erfahrungsbasiertes Lernen?

Erfahrungsbasiertes Lernen (englisch: experiential learning) bezeichnet Lernprozesse, bei denen Wissen aus eigenen Erfahrungen entsteht, die anschließend reflektiert, verallgemeinert und erneut erprobt werden. Das bekannteste Modell dafür ist der Lernzyklus nach Kolb. Typische Methoden sind Rollenspiele, Planspiele, Simulationen und Projektarbeit, aber auch das Lernen direkt am Arbeitsplatz.

Was ist der Unterschied zwischen Kolb und Honey & Mumford?

Peter Honey und Alan Mumford entwickelten Kolbs Modell Anfang der 1980er-Jahre für die betriebliche Weiterbildung weiter. Sie übernahmen den vierstufigen Lernzyklus, benannten die Lernstile aber um – Aktivist, Reflektierer, Theoretiker und Pragmatiker – und entwickelten einen eigenen, alltagsnäheren Fragebogen. Der Unterschied liegt also vor allem in Begriffen und Messinstrument. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag zu den Lernstilen nach Honey und Mumford.

Muss der Lernzyklus immer mit der konkreten Erfahrung beginnen?

Nein. Kolb beschreibt das Lernen als Kreislauf, in den man an jeder Stelle einsteigen kann – etwa mit einer Theorie, die anschließend ausprobiert wird. Entscheidend ist, dass alle vier Phasen durchlaufen werden. Wer nur handelt, ohne zu reflektieren, oder nur Theorie lernt, ohne sie anzuwenden, schöpft das Potenzial des erfahrungsbasierten Lernens nicht aus.

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