Die Vergessenskurve nach Hermann Ebbinghaus beschreibt, wie schnell neu gelerntes Wissen ohne Wiederholung verloren geht: Der größte Teil wird bereits in den ersten Stunden und Tagen vergessen, danach verlangsamt sich der Verlust. Für Unternehmen ist das mehr als eine psychologische Kuriosität. Es erklärt, warum klassische Schulungen vor einem Software-Go-live oft wenig bewirken. In diesem Artikel erfahren Sie, was die Vergessenskurve besagt, warum wir vergessen, wie Sie die Kurve mit Wiederholung und Spaced Repetition abflachen und was das für Mitarbeiterschulungen bedeutet.
Was besagt die Vergessenskurve?
Der deutsche Psychologe Hermann Ebbinghaus untersuchte in den 1880er-Jahren als einer der Ersten das Gedächtnis mit experimentellen Methoden. In Selbstversuchen lernte er Reihen sinnloser Silben wie „WUX“ oder „JOP“ auswendig und prüfte in unterschiedlichen Abständen, wie viel Aufwand er benötigte, um sie erneut zu lernen. Die Ergebnisse veröffentlichte er 1885 in seinem Werk „Über das Gedächtnis“.
Seine zentrale Erkenntnis: Vergessen verläuft nicht gleichmäßig. Unmittelbar nach dem Lernen ist der Verlust am größten, danach flacht die Kurve ab. Was die ersten Tage übersteht, bleibt deutlich stabiler im Gedächtnis.
Die Werte der Ebbinghaus-Kurve
Die häufig zitierten Werte aus Ebbinghaus’ Versuchen zeigen, wie viel des Gelernten nach einer bestimmten Zeit noch verfügbar war:
| Zeit nach dem Lernen | Noch verfügbar (ca.) | Vergessen (ca.) |
|---|---|---|
| 20 Minuten | 58 % | 42 % |
| 1 Stunde | 44 % | 56 % |
| 9 Stunden | 36 % | 64 % |
| 1 Tag | 34 % | 66 % |
| 2 Tage | 28 % | 72 % |
| 6 Tage | 25 % | 75 % |
| 31 Tage | 21 % | 79 % |
Wichtig für die Einordnung: Ebbinghaus maß die sogenannte Ersparnis beim Wiederlernen, und zwar mit sinnlosen Silben. Bedeutungsvolle Inhalte, die mit Vorwissen verknüpft sind, werden in der Regel langsamer vergessen. Eine Replikationsstudie von Murre und Dros aus dem Jahr 2015 bestätigte den grundsätzlichen Verlauf der Kurve dennoch. Die genauen Prozentwerte sind also kein Naturgesetz für jede Schulung, das Muster aber schon.
Die Formel der Vergessenskurve
Vereinfacht wird die Vergessenskurve häufig als exponentieller Abfall dargestellt: R = e−t/S. Dabei steht R für den behaltenen Anteil (Retention), t für die vergangene Zeit und S für die Stabilität der Erinnerung. Je stabiler eine Erinnerung ist, etwa durch Wiederholung oder Bedeutung, desto flacher verläuft die Kurve.
Warum vergessen wir Gelerntes wieder?
- Fehlende Wiederholung: Gedächtnisspuren, die nicht erneut aktiviert werden, verblassen.
- Fehlende Bedeutung: Inhalte ohne Bezug zur eigenen Arbeit oder zu Vorwissen haben wenig Anknüpfungspunkte.
- Interferenz: Neue Informationen überlagern ältere, besonders wenn sie ähnlich sind, etwa zwei Versionen derselben Software.
- Informationsüberflutung: Zu viele Inhalte auf einmal überfordern das Arbeitsgedächtnis.
- Fehlende Anwendung: Wissen, das nicht zeitnah genutzt wird, wird vom Gehirn als unwichtig eingestuft.
- Stress und Müdigkeit: Sie beeinträchtigen die Verarbeitung und Speicherung neuer Informationen.
Die Vergessenskurve überlisten: 7 Strategien
1. Spaced Repetition (verteiltes Wiederholen)
Die wirksamste Methode gegen das Vergessen ist das Wiederholen in wachsenden Abständen, etwa nach einem Tag, drei Tagen, einer Woche und einem Monat. Jede Wiederholung stabilisiert die Erinnerung, die Kurve wird flacher, und die Abstände bis zur nächsten Wiederholung können länger werden. Ebbinghaus selbst zeigte, dass verteiltes Lernen wirksamer ist als massiertes Pauken.
2. Aktives Abrufen (Active Recall)
Wer Wissen aktiv aus dem Gedächtnis abruft, etwa durch Quizfragen oder Übungsaufgaben, behält es besser als beim bloßen Wiederlesen. Dieser Testeffekt ist in der Lernforschung gut belegt.
3. Microlearning
Kurze Lerneinheiten von wenigen Minuten überfordern das Gedächtnis nicht und lassen sich leicht über die Zeit verteilen. Mehr dazu in unserem Artikel über Microlearning.
4. Bedeutung und Praxisbezug
Inhalte, die an echten Aufgaben und Beispielen aus dem Arbeitsalltag anknüpfen, werden besser verankert als abstrakte Funktionsbeschreibungen.
5. Sofortige Anwendung
Das Gelernte so schnell wie möglich anwenden. Eine Schulung, auf die erst Wochen später die praktische Nutzung folgt, kämpft gegen den steilsten Teil der Kurve.
6. Mehrere Sinne und Formate
Kombinationen aus Text, Bild, Video und eigenem Tun schaffen mehr Gedächtnisspuren als ein einzelnes Format.
7. Unterstützung im Moment des Bedarfs
Nicht alles muss im Kopf behalten werden. Wenn Hilfe genau dann verfügbar ist, wenn eine Aufgabe ansteht, verliert das Vergessen seinen Schrecken. Jede Nutzung wirkt zugleich als Wiederholung.
Was die Vergessenskurve für Mitarbeiterschulungen bedeutet
Ein typisches Szenario: Ein Unternehmen führt ein neues ERP-, CRM- oder HR-System ein. Zwei Wochen vor dem Go-live besuchen alle Anwender eine eintägige Schulung mit vielen Funktionen und Bildschirmen. Nach der Vergessenskurve ist ein großer Teil dieser Inhalte bereits vergessen, wenn das System live geht. Seltene Vorgänge wie der Jahresabschluss oder eine Sonderfreigabe stehen vielleicht erst Monate später an.
Die Folgen sind bekannt: viele Supportanfragen nach dem Go-live, Fehler in den Daten, Umwege über Excel und eine Nutzerakzeptanz, die hinter den Erwartungen zurückbleibt. Mehr dazu lesen Sie in unserem Artikel zur ERP-Schulung.
Daraus ergeben sich klare Konsequenzen für die Gestaltung von Schulungen:
- Schulung nah am Go-live und mit sofortiger Anwendung, statt Wochen im Voraus.
- Rollenbasierte, kurze Einheiten statt einer langen Gesamtschulung für alle.
- Geplante Auffrischungen nach einigen Tagen und Wochen, etwa als Microlearning oder kurze Quizzes.
- Üben in einer sicheren Umgebung, zum Beispiel mit einem Anwendungssimulator, bevor echte Daten im Spiel sind.
- Lernen im Arbeitsfluss, damit Wissen auch Monate später im entscheidenden Moment verfügbar ist.
- Wirkung messen, nicht nur Teilnahme. Das Kirkpatrick-Modell unterscheidet dafür Reaktion, Lernen, Verhalten und Ergebnisse.
Lernen im Arbeitsfluss: die Antwort auf die Vergessenskurve
Statt gegen das Vergessen anzutrainieren, setzen viele Unternehmen zusätzlich auf Unterstützung direkt in der Software. Eine Digital Adoption Platform (DAP) blendet interaktive Schritt-für-Schritt-Anleitungen, Hinweise und Erklärungen genau dann ein, wenn ein Nutzer einen Vorgang ausführt. Wer vergessen hat, wie eine Bestellanforderung angelegt wird, muss nicht im Handbuch suchen oder den Support anrufen, sondern wird direkt in der Anwendung durch den Prozess geführt.
Das hat einen doppelten Effekt: Fehler werden vermieden, und jede geführte Ausführung wirkt als Wiederholung, die das Wissen festigt. Für das risikofreie Üben vor dem Go-live eignet sich der Anwendungssimulator K-Studio, für die Unterstützung im Arbeitsalltag K-Now von Knowmore. Wie sich das in eine Schulungsstrategie einfügt, lesen Sie in unserem Artikel über digitale Softwareschulung.
Fazit
Die Vergessenskurve nach Ebbinghaus zeigt: Ohne Wiederholung geht ein Großteil des Gelernten innerhalb weniger Tage verloren. Verteiltes Wiederholen, aktives Abrufen, kurze Lerneinheiten und vor allem die schnelle Anwendung im Alltag flachen die Kurve deutlich ab. Für Unternehmen bedeutet das: Eine einmalige Schulung reicht selten. Wirksam ist eine Kombination aus gezieltem Training, geplanter Auffrischung und Unterstützung im Moment des Bedarfs.
Möchten Sie, dass Ihre Mitarbeitenden Software auch Monate nach der Schulung sicher bedienen? Entdecken Sie K-Now von Knowmore.
Häufige Fragen zur Vergessenskurve
Was besagt die Vergessenskurve?
Die Vergessenskurve besagt, dass neu Gelerntes ohne Wiederholung sehr schnell vergessen wird, besonders in den ersten Stunden und Tagen. Danach verlangsamt sich der Verlust, und die verbleibenden Inhalte sind stabiler gespeichert.
Was ist das Ebbinghaus-Gesetz?
Als Ebbinghaus-Gesetz wird meist die Erkenntnis bezeichnet, dass Vergessen exponentiell verläuft und durch Wiederholung verlangsamt wird. Ebbinghaus zeigte zudem, dass über die Zeit verteiltes Lernen wirksamer ist als Lernen am Stück.
Wie viel vergisst man nach einem Tag?
Nach den klassischen Werten von Ebbinghaus sind nach einem Tag rund zwei Drittel des Gelernten nicht mehr ohne Weiteres verfügbar. Bei bedeutungsvollen, gut verknüpften Inhalten ist der Verlust in der Regel geringer.
Warum vergisst man Gelerntes wieder?
Hauptgründe sind fehlende Wiederholung und Anwendung, fehlender Bezug zu Vorwissen, Überlagerung durch neue Informationen sowie Informationsüberflutung und Stress.
Wie kann man die Vergessenskurve überlisten?
Mit Spaced Repetition (Wiederholen in wachsenden Abständen), aktivem Abrufen, kurzen Lerneinheiten, Praxisbezug, schneller Anwendung und Unterstützung im Moment des Bedarfs.
Was ist Spaced Repetition?
Spaced Repetition ist eine Lernmethode, bei der Inhalte in zunehmend größeren Abständen wiederholt werden, etwa nach einem Tag, drei Tagen, einer Woche und einem Monat. Jede Wiederholung festigt die Erinnerung und flacht die Vergessenskurve ab.