Kraftfeldanalyse nach Lewin: Ablauf, Beispiel und Grenzen der Methode

Kraftfeldanalyse nach Kurt Lewin: treibende und hemmende Kräfte erkennen, gewichten und gezielt steuern – mit Ablauf, Beispiel, Vorlage und Grenzen.

Von Marielle Gantenberg
9 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Kraftfeldanalyse nach Kurt Lewin stellt die treibenden Kräfte einer geplanten Veränderung den hemmenden Kräften gegenüber.
  • Sie läuft in vier Schritten ab: Ziel definieren, Kräfte sammeln, Kräfte gewichten und Maßnahmen ableiten.
  • Eine einfache Punkteskala von 1 bis 5 zeigt, ob die fördernden oder die bremsenden Faktoren überwiegen.
  • Die Methode ist schnell und im Team anwendbar, bleibt aber subjektiv und hängt von der Qualität der gesammelten Informationen ab.

Die Kraftfeldanalyse ist eine strategische Methode, um die Dynamik, die durch organisatorische Veränderungen ausgelöst wird, besser zu verstehen. Sie wurde in den 1940er-Jahren vom Sozialpsychologen Kurt Lewin entwickelt. Der Ansatz basiert auf dem Gleichgewicht zwischen treibenden Kräften, die eine Veränderung unterstützen, und bremsenden Kräften, die sich ihr entgegenstellen. Die Analyse hat eine wichtige Funktion im Rahmen von Veränderungsmanagement, denn Führungskräfte können mit ihrer Hilfe bessere Entscheidungen treffen und Strategien entwickeln, die die Akzeptanz des geplanten Wandels unterstützen. Durch das Antizipieren von Widerständen und die Verstärkung positiver Faktoren hilft die Kraftfeldanalyse dabei, organisatorische Veränderungen effizienter vorzubereiten und umzusetzen. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über Ablauf, Beispiele, Vorteile und Grenzen der Kraftfeldanalyse.

Was ist die Kraftfeldanalyse?

Die Kraftfeldanalyse wurde vom Psychologen und Pionier der Sozialpsychologie Kurt Lewin in den 1940er-Jahren entwickelt. Auf ihn gehen zahlreiche Theorien über das menschliche Verhalten zurück, die ein Verständnis für die Triebkräfte vermitteln, die durch Veränderungen in Unternehmen ausgelöst werden. Die Kraftfeldanalyse identifiziert die Kräfte, die eine Situation beeinflussen können, und erleichtert damit Verbesserungs- und Change-Prozesse.

Die zwei verschiedenen Kräfte nach Lewin

Die von Kurt Lewin entwickelte Kraftfeldanalyse geht von der Annahme aus, dass jeder Veränderungsprozess von zwei Arten von Kräften beeinflusst wird: von treibenden bzw. fördernden und von hemmenden bzw. blockierenden Kräften. Treibende Kräfte unterstützen eine Veränderung, während hemmende Kräfte diese bremsen oder ganz blockieren.

Eng mit der Kraftfeldanalyse verbunden ist Lewins 3-Phasen-Modell der Veränderung:

  1. die Phase des Auftauens (Unfreeze),
  2. die Phase der Veränderung (Change),
  3. die Phase der Stabilisierung (Refreeze).

Das Modell hilft zu erklären, warum Veränderungsprozesse scheitern – etwa weil das Auftauen übersprungen oder der neue Zustand nicht stabilisiert wird. Gerade solche Fehler können den sogenannten „Widerstand gegen Veränderungen“ auslösen.

Das 3-Phasen-Modell nach Kurt Lewin: Auftauen, Verändern, Einfrieren

Ziele der Kraftfeldanalyse

Das oberste Ziel des Ansatzes liegt darin, die beiden Kräfte zu erkennen, sie zu analysieren, ihre Intensität einzuschätzen und daraus ihre Auswirkungen auf die Veränderung abzuleiten. Führungskräfte können dadurch Hindernisse antizipieren sowie Hebel erkennen und einsetzen, um Change-Prozesse methodisch anzugehen und so effizienter zu machen.

Welches sind die wichtigsten Schritte einer Kraftfeldanalyse?

Wenn sich ein Unternehmen dafür entscheidet, eine neue PLM-Software (Product-Lifecycle-Management-Lösung) einzuführen, kann die Kraftfeldanalyse wertvolle Einblicke in die Faktoren liefern, die die Adoption beeinflussen. Damit eine Kraftfeldanalyse überzeugende Ergebnisse liefert, sollte sie nach einem genau definierten Prozess ablaufen, der aus mehreren Schritten besteht.

1. Schritt: treibende und hemmende Kräfte erkennen

Der erste Schritt besteht darin, eine Liste mit den treibenden Kräften zu erstellen, also den Faktoren, die die geplante Veränderung fördern. Dieser Liste stellt man eine Auflistung der hemmenden Kräfte gegenüber, also der Faktoren, die sich der Veränderung widersetzen. Dafür ist es notwendig, mit allen Beteiligten zusammenzuarbeiten. Alle betroffenen Gruppen legen ihre Sichtweise anhand geeigneter Daten über die derzeitige Situation des Unternehmens dar, untermauern dies gegebenenfalls mit Statistiken und zeigen Engpässe auf, mit denen sie konfrontiert sind.

Durch eine offene Diskussion wird klar, welche internen oder externen Faktoren die gewünschte Veränderung in der derzeitigen Situation unterstützen oder bremsen. Hilfreich sind in dieser Phase Tools wie die SWOT-Analyse, um die Einflussfaktoren besser zu untersuchen.

2. Schritt: die Kräfte gewichten

Es ist wichtig, alle Kräfte zu gewichten, um zu erkennen, welche davon am schwersten wiegen. Die Gewichtung verdeutlicht den Einfluss jeder einzelnen Kraft auf den Veränderungsprozess. Auf einer Skala von 1 bis 5 kann eine treibende Kraft zum Beispiel mit 5 gewichtet werden, wenn sie sehr stark ist, oder mit 2, wenn sie nur geringe Auswirkungen hat. Auf diese Weise soll veranschaulicht werden, ob zwischen den treibenden und hemmenden Kräften ein Gleichgewicht oder ein Ungleichgewicht herrscht. Das ist die Basis, um in der Folge fundierte Entscheidungen treffen zu können.

3. Schritt: treibende Kräfte verstärken und Widerstände abbauen

Ist die Gewichtung erfolgt, bestimmt man Aktivitäten, um die treibenden Kräfte zu verstärken und Widerstände zu reduzieren. Dafür bieten sich verschiedene Möglichkeiten an: Kommunikationskampagnen, Schulungen, Unterstützung durch die Führungsebene … Wenn der Widerstand zum Beispiel auf der Angst vor dem Unbekannten beruht, dann kann es sinnvoll sein, die Mitarbeiter zu schulen, um diese Angst abzubauen.

Kraftfeldanalyse-Vorlage: Beispiel mit Gewichtung

Vor dem ersten Schritt steht die Zieldefinition: Beschreiben Sie den Ist-Zustand und den gewünschten Soll-Zustand so konkret wie möglich. Erst dann lassen sich die Kräfte sinnvoll zuordnen. In der klassischen Darstellung steht das Ziel in der Mitte, die treibenden Kräfte links und die hemmenden Kräfte rechts; die Länge der Pfeile oder eine Punktzahl zeigt ihre Stärke.

Das folgende fiktive Beispiel zeigt eine Kraftfeldanalyse für die Einführung eines neuen CRM-Systems im Vertrieb (Skala von 1 = schwach bis 5 = sehr stark):

Treibende KräftePunkteHemmende KräftePunkte
Kundendaten an einem Ort statt in Excel-Listen5Gewohnte Arbeitsweise mit dem Altsystem4
Unterstützung durch die Vertriebsleitung4Zeitdruck im Tagesgeschäft4
Mobiler Zugriff für den Außendienst3Unsicherheit im Umgang mit der neuen Software3
Bessere Auswertungen für Prognosen2Bedenken zum Datenschutz2
Summe14Summe13

Die Summen liegen nah beieinander: Ohne gezielte Maßnahmen droht das Projekt ins Stocken zu geraten. Sinnvolle Hebel wären hier zum Beispiel kurze Schulungen direkt im CRM, Freiräume für die Umstellung und eine frühzeitige Klärung der Datenschutzfragen mit dem Betriebsrat. Oft ist es wirksamer, hemmende Kräfte abzubauen, als zusätzlichen Druck aufzubauen – denn mehr Druck erzeugt nicht selten neuen Widerstand.

Konkrete Anwendungsbeispiele für dieses Konzept

Die Kraftfeldanalyse ist nicht nur eine Theorie, sondern ein konkreter Ansatz, der sich gut auf verschiedene Situationen übertragen lässt.

Digitale Transformation: Akzeptanz einer neuen Software

Wenn ein Unternehmen beschließt, eine neue Software einzuführen, um bestimmte Prozesse zu verbessern, kann man mithilfe der Kraftfeldanalyse aufzeigen, welche Faktoren diese Veränderung beeinflussen. Im Diagramm der Kraftfeldanalyse sind dann unter Umständen folgende treibende Kräfte aufgeführt:

  • Kostenreduzierung,
  • ortsunabhängiger Onlinezugriff,
  • effizientere Prozesse,
  • Kompatibilität mit anderer Software,
  • einfachere interne Kommunikation und bessere Weitergabe von Informationen.

Hemmende Kräfte können dagegen mangelnde Qualifikation des Personals, Widerstand gegen Veränderungen, hohe Schulungskosten u. v. m. sein. Jedes dieser Elemente wird gewichtet.

Organisatorische Veränderung: Umstellung auf Homeoffice

Im Zuge neuer Arbeitsformen denken viele Unternehmen über Homeoffice und hybride Modelle nach. Eine Kraftfeldanalyse macht die treibenden Kräfte sichtbar: mehr Komfort für die Mitarbeitenden, geringere Raumkosten, höhere Flexibilität.

Auf der anderen Seite stehen potenzielle Hindernisse wie Befürchtungen hinsichtlich der Produktivität, schlechtere Kommunikation innerhalb des Teams, technische Probleme u. v. m. Auf der Basis dieser Analyse können Lösungsansätze entwickelt werden, um die Arbeit im Homeoffice so gut wie möglich umzusetzen.

Wie führt man eine Kraftfeldanalyse im Workshop durch?

Am besten erarbeiten Sie eine Kraftfeldanalyse gemeinsam mit den Beteiligten in einem moderierten Workshop. So fließen unterschiedliche Sichtweisen ein, blinde Flecken werden früher sichtbar, und die spätere Umsetzung wird von mehr Menschen mitgetragen.

  1. Vorbereiten: Thema und Zielzustand festlegen, Teilnehmende aus allen betroffenen Bereichen einladen und ein Flipchart oder digitales Whiteboard mit dem Kraftfeld vorbereiten.
  2. Kräfte sammeln: Zunächst alle Faktoren ohne Bewertung notieren, zum Beispiel auf Karten, und sie anschließend den beiden Seiten zuordnen.
  3. Gewichten: Die Stärke jeder Kraft gemeinsam einschätzen, etwa per Punktabfrage oder über die Länge der Pfeile.
  4. Auswerten: Die stärksten hemmenden Kräfte und die wirksamsten Hebel bestimmen.
  5. Maßnahmen planen: Für jede priorisierte Kraft eine Maßnahme mit Verantwortlichen und Termin in einen Aktionsplan übernehmen.

Wiederholen Sie die Analyse in größeren Veränderungsprojekten an wichtigen Meilensteinen, zum Beispiel vor dem Go-live einer neuen Software. So sehen Sie, ob sich das Kräfteverhältnis tatsächlich verschoben hat und ob Ihre Maßnahmen wirken.

Wo liegen die Vorteile und Grenzen der Kraftfeldanalyse?

Die Kraftfeldanalyse von Kurt Lewin ist ein hilfreiches Tool für Unternehmen, die organisatorische Veränderungen umsetzen möchten. Doch wie alle Analysemodelle hat sie nicht nur Vorzüge, sondern auch Grenzen.

Positiv ist, dass die Kraftfeldanalyse eine gewisse Klarheit verschafft. Mit ihr können die Kräfte, die eine Veränderung beeinflussen, strukturiert erfasst, die Bedeutung jedes dieser Faktoren erkannt und die Entscheidungsfindung erleichtert werden. Anschließend haben Führungskräfte die Möglichkeit, Blockaden zu antizipieren und Strategien für ihren Abbau zu entwickeln.

Die Grenzen der Methode liegen im Wesentlichen darin, dass sie in gewisser Weise subjektiv ist und von der Qualität der gesammelten Informationen abhängt. Unvollständige oder falsche Informationen können die Analyse verfälschen – und damit auch die Entscheidungen, die auf ihr beruhen.

Dennoch ist festzuhalten, dass die von Kurt Lewin entwickelte Kraftfeldanalyse ein wertvolles Hilfsmittel ist, um organisatorische Veränderungen zu begleiten. Sie ist einfach anzuwenden, erleichtert das Treffen von Entscheidungen und ist damit ein strategisches Werkzeug, das Transformationsprojekte wirksam unterstützt. Trotzdem sollte man sich der Grenzen dieser Methode bewusst sein.

Häufig gestellte Fragen

Was ist die Kraftfeldanalyse nach Lewin?

Die Kraftfeldanalyse nach Kurt Lewin ist eine Methode des Veränderungsmanagements, die alle Kräfte sichtbar macht, die auf ein Veränderungsvorhaben wirken. Treibende Kräfte fördern die Veränderung, hemmende Kräfte bremsen sie. Indem man beide Seiten sammelt und gewichtet, erkennt man, ob die Veränderung Rückenwind hat und an welchen Stellen Maßnahmen ansetzen sollten.

Was ist die Feldtheorie von Kurt Lewin?

Die Feldtheorie ist der theoretische Hintergrund der Kraftfeldanalyse. Kurt Lewin beschrieb menschliches Verhalten als Ergebnis des Zusammenspiels von Person und Umwelt, also aller Kräfte, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem „psychologischen Feld“ wirken. Verändert sich das Gleichgewicht dieser Kräfte, verändert sich auch das Verhalten. Mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag über Kurt Lewin und sein 3-Phasen-Modell.

Wie gewichtet man die Kräfte in einer Kraftfeldanalyse?

In der Praxis bewertet man jede Kraft auf einer einfachen Skala, häufig von 1 (schwach) bis 5 (sehr stark). Anschließend addiert man die Punkte beider Seiten. Überwiegen die hemmenden Kräfte, sollten Sie zuerst die stärksten Widerstände abbauen. Wichtig ist, die Gewichtung im Team zu diskutieren, damit sie nicht nur die Sicht einer einzelnen Person widerspiegelt.

Was ist der Unterschied zwischen Kraftfeldanalyse und SWOT-Analyse?

Die SWOT-Analyse beschreibt die strategische Ausgangslage eines Unternehmens oder Projekts anhand von Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken. Die Kraftfeldanalyse ist enger gefasst: Sie bezieht sich auf eine konkrete Veränderung und fragt, welche Kräfte sie fördern oder bremsen und wie stark diese sind. Beide Methoden lassen sich gut kombinieren, etwa indem die SWOT-Ergebnisse als Ausgangspunkt für die Sammlung der Kräfte dienen.

Wann ist eine Kraftfeldanalyse sinnvoll?

Eine Kraftfeldanalyse lohnt sich immer dann, wenn eine Veränderung auf Widerstand stoßen kann: bei Reorganisationen, neuen Arbeitsmodellen oder der Einführung neuer Software. Sie eignet sich besonders in der Planungsphase, um Risiken früh zu erkennen, und als Zwischenbilanz während des Projekts. Bei komplexen Vorhaben sollten Sie sie mit weiteren Methoden des Veränderungsmanagements kombinieren.

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