Das Process Mining

Process Mining rekonstruiert aus den Datenspuren von ERP-, CRM- oder ITSM-Systemen, wie Geschäftsprozesse tatsächlich ablaufen. Es zeigt Umwege, Engpässe und Abweichungen, die in keinem Prozesshandbuch stehen, und oft auch, wo Anwender mit ihrer Software nicht zurechtkommen.

8 Min. Lesezeit Prozesse Datenanalyse

Definition in Kürze

Process Mining ist eine datenbasierte Methode der Prozessanalyse, die aus den Ereignisprotokollen von IT-Systemen den tatsächlichen Ablauf von Geschäftsprozessen rekonstruiert, visualisiert und mit dem Soll-Prozess vergleicht.

  • Grundlage sind drei Daten je Ereignis: Fall-ID, Aktivität und Zeitstempel.
  • Es gibt drei Arten: Prozessentdeckung, Konformitätsprüfung und Prozessverbesserung.
  • Abweichungen im Prozess sind oft ein Hinweis auf Akzeptanz- und Schulungsprobleme bei der Software.

Was ist Process Mining?

Process Mining ist eine Methode, die Geschäftsprozesse anhand realer Systemdaten sichtbar macht. Jede Aktion in einem ERP-, CRM- oder ITSM-System hinterlässt einen Eintrag: Eine Bestellung wird angelegt, freigegeben, geändert, eine Rechnung wird gebucht. Process Mining wertet diese Einträge aus und setzt daraus den tatsächlichen Prozess zusammen.

Die Methode steht an der Schnittstelle von Data Mining und Geschäftsprozessmanagement. Sie geht wesentlich auf den niederländischen Informatiker Wil van der Aalst zurück. 2011 veröffentlichte die IEEE Task Force on Process Mining das Process Mining Manifesto, das Begriffe und Leitlinien der Disziplin festlegte.

Der entscheidende Unterschied zur klassischen Prozessanalyse: Process Mining zeigt nicht, wie ein Prozess laufen soll, sondern wie er wirklich läuft, mit allen Schleifen, Wartezeiten und Sonderwegen.

Wie funktioniert Process Mining?

Ausgangspunkt ist das Ereignisprotokoll (Event Log). Für jedes Ereignis braucht es mindestens drei Angaben: eine Fall-ID, die zusammengehörige Schritte verbindet, den Namen der Aktivität und einen Zeitstempel. Zusatzattribute wie Benutzer, Abteilung oder Betrag erweitern die Analyse.

Beispiel: Ausschnitt eines Ereignisprotokolls (Einkauf)

Fall-IDAktivitätZeitstempelBenutzer
BANF-4711Bestellanforderung angelegt03.03., 09:12Einkauf
BANF-4711Bestellanforderung freigegeben05.03., 16:40Bereichsleitung
BANF-4711Bestellung geändert06.03., 10:05Einkauf
BANF-4711Rechnung erfasst21.03., 14:22Buchhaltung

Aus Tausenden solcher Zeilen rekonstruiert die Software den tatsächlichen Prozessablauf, inklusive Schleifen wie der nachträglichen Bestelländerung.

Der Ablauf eines Process-Mining-Projekts folgt meist vier Schritten:

  1. Daten extrahieren aus einem oder mehreren Quellsystemen.
  2. Daten aufbereiten: Fälle zuordnen, Aktivitäten benennen, Lücken und Dubletten bereinigen.
  3. Prozess visualisieren: Algorithmen erzeugen ein Prozessmodell mit allen Varianten, Häufigkeiten und Durchlaufzeiten.
  4. Analysieren und handeln: Engpässe, Abweichungen und Ursachen identifizieren und Maßnahmen ableiten.

Process Mining in Zahlen

3

Pflichtangaben je Ereignis genügen für eine erste Analyse: Fall-ID, Aktivität und Zeitstempel.

Process Mining Manifesto

3

Arten von Process Mining: Entdeckung, Konformitätsprüfung und Verbesserung.

IEEE Task Force, 2011

2011

veröffentlichte die IEEE Task Force on Process Mining das Process Mining Manifesto.

IEEE Task Force

Welche Arten von Process Mining gibt es?

  • Prozessentdeckung (Discovery): Aus dem Ereignisprotokoll entsteht ein Prozessmodell, ohne dass ein Modell vorgegeben ist. Das ist die am häufigsten genutzte Form.
  • Konformitätsprüfung (Conformance Checking): Der reale Ablauf wird mit dem Soll-Prozess verglichen. Abweichungen wie übersprungene Freigaben oder nachträgliche Änderungen werden sichtbar.
  • Prozessverbesserung (Enhancement): Das bestehende Modell wird um weitere Informationen ergänzt, etwa Durchlaufzeiten oder Ressourcen, um Engpässe gezielt zu beheben.

Process Mining, Task Mining, Process Intelligence: Was ist der Unterschied?

AnsatzDatenquelleBeantwortet
Klassische ProzessanalyseWorkshops, Interviews, DokumentationWie soll der Prozess laufen?
Process MiningEreignisprotokolle aus ERP, CRM, ITSMWie läuft der Prozess wirklich, systemübergreifend?
Task MiningInteraktionen am Arbeitsplatz (Klicks, Eingaben)Was tun Mitarbeitende innerhalb eines Schritts?
Process IntelligenceProcess Mining plus Geschäfts- und KontextdatenWas kostet eine Abweichung, und was ist zu tun?

Process Mining zeigt den Ablauf zwischen Systemschritten. Was zwischen zwei Einträgen am Bildschirm passiert, bleibt unsichtbar. Hier ergänzt Task Mining die Analyse. Unter Process Intelligence fassen viele Anbieter heute die Kombination aus Process Mining, Geschäftskontext und Handlungsempfehlungen zusammen.

Wofür wird Process Mining eingesetzt?

  • Einkauf und Buchhaltung (Purchase-to-Pay): Freigabeschleifen, Bestelländerungen nach Rechnungseingang, verpasste Skonti.
  • Vertrieb und Auftragsabwicklung (Order-to-Cash): Lieferverzögerungen, manuelle Preisänderungen, lange Durchlaufzeiten.
  • IT-Service: Ticket-Pingpong zwischen Teams, Eskalationen, Lösungszeiten im ITSM.
  • Systemmigrationen: Vor einem Brownfield- oder Greenfield-Projekt den Ist-Zustand verstehen, danach prüfen, ob der neue Prozess gelebt wird.
  • Automatisierung: Wiederkehrende, regelbasierte Schritte finden, die sich für Prozessautomatisierung eignen.

Was verrät Process Mining über die Nutzung von Software?

Viele Abweichungen, die Process Mining aufdeckt, sind keine reinen Prozessfehler. Sie zeigen, dass Anwender die Software anders nutzen als vorgesehen. Typische Muster sind:

  • Nachträgliche Korrekturen: Felder werden nach dem Speichern immer wieder geändert, weil Pflichtangaben unklar sind.
  • Umgehungen: Freigaben laufen per E-Mail statt im System, der Schritt fehlt im Protokoll.
  • Starke Unterschiede zwischen Standorten oder Teams: Ein Team arbeitet sauber im Standardprozess, ein anderes produziert viele Varianten.
  • Wiederkehrende Abbrüche an derselben Stelle, oft direkt nach dem Go-live.

Solche Muster sind ein Fall für Change Management und Anwenderbegleitung. Eine weitere Prozessregel hilft wenig, wenn die Ursache fehlendes Wissen im Moment der Nutzung ist. Process Mining liefert damit eine objektive Grundlage, um die digitale Adoption zu messen und gezielt zu verbessern.

Wo liegen die Grenzen?

  • Datenqualität: Unvollständige oder uneinheitliche Protokolle verzerren das Prozessbild.
  • Blinde Flecken: Arbeit außerhalb der Systeme (E-Mail, Telefon, Excel) erscheint nicht im Protokoll.
  • Datenschutz und Mitbestimmung: Sobald Daten Rückschlüsse auf einzelne Beschäftigte zulassen, sind DSGVO und in Deutschland der Betriebsrat einzubeziehen. Pseudonymisierung ist üblich.
  • Kein Selbstläufer: Process Mining zeigt das Problem, löst es aber nicht. Ohne Maßnahmen und Begleitung der Anwender bleibt es bei der Diagnose.
Die Expertise von Knowmore

Die Expertise von Knowmore zu Process Mining.

Bei Knowmore begleiten wir große Organisationen bei der Einführung und Nutzung von Fachanwendungen. Wenn Process Mining zeigt, dass ein Prozess im System anders gelebt wird als geplant, liegt die Ursache häufig bei den Anwendern: Sie wissen im entscheidenden Moment nicht, welches Feld, welcher Schritt oder welche Regel gilt.

Mit K-NOW und K-STUDIO bringen wir genau dieses Wissen in die Anwendung, im richtigen Schritt und im richtigen Kontext. K-VALUE misst die tatsächliche Nutzung und ergänzt so die Prozesssicht um die Sicht der Anwender.

Fazit

Process Mining macht aus Systemdaten ein objektives Bild der realen Prozesse. Es deckt Engpässe, Abweichungen und Automatisierungspotenziale auf und schafft eine Faktenbasis für Verbesserungen. Wer die Ergebnisse auch als Signal für die Nutzung der Software liest, kann Prozessqualität und Anwenderakzeptanz gemeinsam verbessern.

Häufige Fragen

Was versteht man unter Process Mining?

Process Mining ist eine Methode, die aus den Ereignisprotokollen von IT-Systemen wie ERP, CRM oder ITSM den tatsächlichen Ablauf von Geschäftsprozessen rekonstruiert. So werden Engpässe, Schleifen und Abweichungen vom Soll-Prozess sichtbar.

Welche Daten braucht man für Process Mining?

Mindestens ein Ereignisprotokoll mit drei Angaben je Eintrag: eine Fall-ID, den Namen der Aktivität und einen Zeitstempel. Zusätzliche Attribute wie Benutzer, Abteilung oder Betrag ermöglichen tiefere Analysen.

Welche Beispiele gibt es für Process Mining?

Typische Beispiele sind die Analyse von Purchase-to-Pay-Prozessen im Einkauf, Order-to-Cash im Vertrieb, Ticketabläufe im IT-Service sowie die Prüfung, ob nach einer ERP-Migration der neue Standardprozess tatsächlich gelebt wird.

Was ist der Unterschied zwischen Process Mining und Task Mining?

Process Mining analysiert den Ablauf zwischen Systemschritten anhand von Ereignisprotokollen. Task Mining erfasst Interaktionen am Arbeitsplatz, etwa Klicks und Eingaben, und zeigt, was innerhalb eines einzelnen Schritts passiert.

Von der Theorie zur Praxis

Prozesse zeigen, wo Anwender hängen.

Zeigen Sie uns Ihre Fachanwendungen: Wir zeigen Ihnen, wie Knowmore Abweichungen an der Quelle behebt, direkt im Arbeitsablauf Ihrer Anwender.