Was ist ein Kernbanksystem?
Eine normative Definition des Kernbanksystems existiert nicht. Keiner der Texte, die den Sektor regeln, bestimmt den Begriff: weder die europäische Verordnung zur digitalen operationalen Resilienz noch die Leitlinien der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde, die Grundsätze des Basler Ausschusses, die Norm ISO 20022 oder die Seiten der deutschen, französischen und europäischen Aufsicht.
Der nächstgelegene aufsichtsrechtliche Begriff ist die kritische oder wichtige Funktion aus DORA. Er ist funktional und nicht anwendungsbezogen: Er beschreibt, was bei Ausfall den Betrieb gefährdet, ohne eine bestimmte Software zu benennen.
Belegt ist der deutsche Begriff dagegen bei einem Betreiber. Finanz Informatik, der IT-Dienstleister der deutschen Sparkassen, schreibt: Zentraler Bestandteil der IT-Lösung ist das leistungsfähige Kernbanksystem, das durch eine Vielzahl von Anwendungen rund um das Sparkassen- beziehungsweise Bankgeschäft komplettiert wird.
Die verfügbaren Definitionen der Anbieter sind Angebotsbeschreibungen und als solche zuzuordnen. Temenos spricht vom schlagenden Herzen des Bankwesens und stellt modulare Kernfunktionen heraus; Oracle betont die schnelle Konfiguration neuer Produkte und die Transaktionsverarbeitung; Avaloq beschreibt eine Plattform von der Kundenbindung bis zu Kernbankprozessen.
Was das Kernbanksystem abdeckt
Gleicht man die von den Anbietern genannten Umfänge ab, ergibt sich ein stabiles Gerüst aus vier Blöcken:
- die Führung der Konten – Eröffnung, Abschlüsse, Bestände, Bewegungen, Zinsen;
- die Produkte – Einlagen, Kredite, Tilgungspläne, Konditionen und die Parametrierung, mit der sich neue Produkte anlegen lassen;
- die Vorgangsverarbeitung – Erfassung, Verbuchung, Tagesendverarbeitung;
- das Hauptbuch – die Zulieferung an Buchhaltung und aufsichtsrechtliches Meldewesen.
Die klarste Darstellung dieser Gliederung stammt nicht von einem Anbieter, sondern von einem Betreiber. Finanz Informatik gliedert die Plattform OSPlus – nach eigenen Angaben eine einheitliche und zukunftsfähige Gesamtbanklösung – in drei Bausteine: das Kernbanksystem als zentralen Bestandteil, OSPlus_neo als zugehöriges Vertriebs-Frontend und die OSPlus-Banksteuerung als betriebswirtschaftliches Instrument zur Steuerung der Institute.
Diese Architektur sagt indirekt, was der Kern nicht ist: weder der Kanal, über den der Kunde oder die Beraterin darauf zugreift, noch das Instrument, mit dem das Institut gesteuert wird. Dieselbe Trennung findet sich bei den Anbietern, die digitale Kanäle, Betrugsabwehr, Vermögensverwaltung und Analytik als eigene Bausteine führen, die mit dem Kern zusammenarbeiten.
Keine der geprüften Quellen schließt allerdings eine Funktion ausdrücklich aus dem Kernbanksystem aus. Die Grenze ergibt sich aus der Gliederung der Angebote und Plattformen, nicht aus einer Definition.
Der aufsichtsrechtliche Rahmen
Der Begriff ist nicht definiert – die Pflichten für das System sind es umso genauer.
DORA, die Verordnung (EU) 2022/2554 vom 14. Dezember 2022 über die digitale operationale Resilienz im Finanzsektor, gilt seit dem 17. Januar 2025. Sie setzt einen Rahmen für das Management von IKT-Risiken, regelt das Risiko aus Drittdienstleistern samt vertraglicher Mindestinhalte und schafft eine unmittelbare Überwachung der von den europäischen Aufsichtsbehörden als kritisch eingestuften Anbieter. Erfasst sind 20 Arten von Finanzunternehmen – Artikel 2 Absatz 1 Buchstaben a bis t (ESMA).
Für ein Kernbanksystem wirkt die Verordnung unmittelbar. Sie verwendet den Begriff nie, aber ein System, das die Konten führt, trägt ohne Zweifel eine kritische oder wichtige Funktion, und sein Anbieter oder Betreiber fällt unter die IKT-Drittdienstleister – Dienste, die die Verordnung als dauerhaft über IT-Systeme erbrachte digitale und Datendienste beschreibt. Die BaFin begleitet die beaufsichtigten Unternehmen ausdrücklich auf diesem Weg.
Die EBA-Leitlinien zum Management von IKT- und Sicherheitsrisiken (EBA/GL/2019/04, geändert durch EBA/GL/2025/02, anzuwenden seit dem 20. Mai 2025) richten sich an Kreditinstitute, Wertpapierfirmen und Zahlungsdienstleister. Die Änderung von 2025 hat ihren Anwendungsbereich gerade wegen der Geltung von DORA eingegrenzt, um Rechtsklarheit zu schaffen.
Hinzu kommen auf internationaler Ebene die Grundsätze zur operationalen Resilienz des Basler Ausschusses vom 31. März 2021 und die Grundsätze zur Aggregation von Risikodaten vom Januar 2013, bekannt als BCBS 239, die die Fähigkeit eines Instituts betreffen, seine Risikodaten zusammenzuführen und darüber zu berichten.
ISO 20022 als Anforderung an die Interoperabilität
Ein Kernbanksystem steht nicht für sich: Es tauscht Nachrichten mit den Zahlungsverkehrsinfrastrukturen aus, und deren Format ist normiert. ISO 20022 ist eine mehrteilige internationale Norm, erarbeitet vom technischen Komitee ISO/TC 68 „Financial Services“, die eine gemeinsame Plattform für die Entwicklung von Nachrichten bietet. Sie umfasst fünf Bereiche – Zahlungen, Wertpapiere, Handelsfinanzierung, Karten und Devisen – und ordnet jede Nachricht einem vierbuchstabigen Bereichskürzel zu: pacs für Clearing und Settlement, pain für die Auftragserteilung, camt für das Cash Management.
Die Umstellung ist vollzogen. Swift datiert das Ende der Koexistenz von MT-Format und ISO 20022 im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr auf November 2025 und teilte am 27. August 2026 mit, dass mehr als 98 % der Zahlungsaufträge inzwischen im ISO-20022-Format übermittelt werden (Swift). Auf europäischer Seite weist die Europäische Zentralbank darauf hin, dass T2, im März 2023 als Nachfolger von TARGET2 gestartet, die Norm ISO 20022 nutzt – ebenso wie T2S, TIPS und ECMS.
Ein Termin bleibt offen. Die Pflicht, nur noch strukturierte oder hybride Postanschriften zu akzeptieren, war für den 14. November 2026 vorgesehen und wurde verschoben: Swift teilte am 27. August 2026 mit, dem Wunsch der Community zu folgen, das neue Datum solle bis Dezember 2026 festgelegt werden. Als Grund wird der ungleiche Fortschritt genannt – im April 2026 enthielten 61,2 % der Zahlungen weiterhin eine unstrukturierte Anschrift des Auftraggebers. Dieser Punkt ist datiert und wird sich ändern.
Organisationsmodelle – und ein aufschlussreicher deutscher Fall
Die Frage, die solche Projekte prägt, ist nicht die Wahl eines Anbieters, sondern die eines Modells: Eigenentwicklung, Standardsoftware für das einzelne Institut oder gemeinschaftlich betriebene Plattform für einen Verbund. Der deutsche Markt bietet das am besten dokumentierte Beispiel für das dritte Modell, weil seine Betreiber ihre Zahlen veröffentlichen.
Finanz Informatik bezeichnet sich als zentraler IT-Dienstleister und Digitalisierungspartner der Sparkassen-Finanzgruppe. Zum 30. Juni 2026 gibt das Unternehmen 338 Sparkassen als Kunden an, 112 Millionen geführte Konten, 219 Milliarden technische Transaktionen, 395 500 betreute Arbeitsplätze, 2,6 Milliarden Euro Umsatz und 7 761 Stellen in Vollzeitäquivalenten.
Atruvia, der entsprechende Dienstleister der genossenschaftlichen FinanzGruppe, nennt für das Geschäftsjahr 2025 mehr als 900 Kunden – darunter alle deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken, rund 650 Institute –, 97 Millionen Konten, 10 Milliarden Buchungen und 1,9 Milliarden Euro Umsatz. Die eigene Plattform beschreibt das Unternehmen als ein eigens entwickeltes Bankverfahren.
Diese Zahlen stammen von den Unternehmen selbst und messen ein verwaltetes Volumen, keinen Marktanteil und keine Leistung. Sie geben die Größenordnung eines gemeinschaftlich betriebenen Kernbanksystems wieder und erklären, warum der Zeitplan dieser Plattformen den Instituten vorgegeben wird und nicht umgekehrt.
Die Ablösung eines Kernbanksystems ist eine Frage der Nutzung
Ein Wechsel des Kernbanksystems betrifft sehr unterschiedliche Gruppen: Beraterinnen in der Filiale, Sachbearbeitung im Backoffice, Middle-Office, Kontrolle und Compliance. Ihre Berührungspunkte mit dem System haben wenig gemeinsam, ihre Fehlertoleranz ebenso wenig.
Drei Eigenheiten kennzeichnen solche Projekte:
- die Umstellung verläuft im buchhalterischen Teil selten schrittweise: Konten und Bestände wechseln zu einem festen Zeitpunkt das System, was Cutover und Hypercare zu kritischen Phasen macht;
- der Fehler ist für den Kunden sichtbar – ein falscher Buchungstext, ein verspätet angezeigter Saldo, eine abgelehnte Lastschrift landen sofort bei der Beraterin;
- die Vorgangsarten sind zahlreich, der einzelne Vorgang ist selten: Eine Sachbearbeitung führt Dutzende verschiedener Vorgänge aus, manche nur wenige Male im Jahr – Einprägen durch eine Einführungsschulung ist damit nicht zu erreichen.
Die Begleitung entscheidet sich deshalb weniger am Umfang der Schulung vor der Umstellung als an der Hilfe, die in der Anwendung im Moment des Vorgangs verfügbar ist, und an der Messung dessen, was tatsächlich hakt – Maske für Maske und Rolle für Rolle. Das ist das Feld der digitalen Adoption.